Vibe Coding ist eines der vielen Themen, die spalten. Ich selbst habe sehr zwiespältige Erfahrungen damit gemacht. Auf der einen Seite baue ich Software selbst, die ich mir sonst nie hätte leisten können. Auf der anderen Seite wurde mein privater Server von einem Bitcoin-Mining-Netzwerk gekapert. Und trotzdem...
Ich bin Fan von Vibe Coding! Wobei, ganz so einfach ist es dann doch nicht.
Was ist Vibe Coding?
Zuerst versuche ich mich mal an einer kleinen Begriffserklärung, wie ich sie zum jetzigen Zeitpunkt verstehe:
Vibe Coding ist das Erstellen oder Verändern von Computerprogrammen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, ohne selbst auf den Code zu schauen. Es zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der oder die Programmierende den Code nicht selbst schreibt, sondern als eine Art Richtungsgeber fungiert.
Ich als Nutzer beschreibe der KI, was ich haben will, gebe einige Rahmenbedingungen mit und lasse sie erstmal machen. Das funktioniert wirklich erstaunlich gut und lässt mich oft an eines meiner Lieblingszitate von Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke denken: "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden."
Mein Hintergrund
Ich habe Medieninformatik studiert und habe mich seit meinem Berufseinstieg vor inzwischen über 10 Jahren nebenbei immer mit Programmierung beschäftigt. Es war und ist ein Hobby, das auch regelmäßig in meine Arbeit eingeflossen ist.
Im Studium lernte ich die Grundlagen von Java und C++, nebenbei baute und betreute ich als Nebenjob kleine Webseiten für Unternehmen. Dadurch lernte ich unter anderem JavaScript, was ich später in meine Arbeit als Motion Designer einbringen konnte.
Mittels ExtendScript oder Google Apps Script (die beide auf JavaScript basieren) konnte ich für After Effects und Google Workspace kleine Skripte, Plugins und Automatisierungen bauen, die mir die tägliche Arbeit erleichterten.
Bis hierhin war alles noch handgemacht. Ich konnte kleinere Projekte alleine umsetzen und dadurch Probleme nicht nur sehen, sondern auch Lösungen erarbeiten. Das Ding dabei: Ich hatte immer viel mehr Ideen, als ich umsetzen konnte. Und "mehr" bezieht sich dabei nicht nur auf die Menge, sondern vor allem darauf, dass die meisten dieser Ideen meine Fähigkeiten einfach überstiegen (und sie auch immer noch übersteigen).
Das Versprechen von Vibe Coding
Auftritt: KI.
Ich habe gerade nochmal nachgeschaut. ChatGPT wurde Ende November 2022 öffentlich zugänglich gemacht (das sind keine vier Jahre). Doch erst Anfang 2025 wurde der Begriff Vibe Coding von Andrej Karpathy geprägt.
Damals interessierte ich mich noch wenig dafür, auch weil der Begriff mich irgendwie abschreckte und ich es als Trend abtat. Mitte 2025 begann ich mich erstmals damit zu beschäftigen und erst Anfang 2026 habe ich es dann ernsthaft ausprobiert.
Das Versprechen: Alle deine Ideen sind umsetzbar. Und zwar ohne riesiges Budget, ohne Team und vor allem ohne die eigentlich nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten.
Und das Versprechen wird eingehalten – zumindest teilweise.
Ich habe in diesem halben Jahr schon viele Projekte umgesetzt, bei der Arbeit, für Kunden und privat. Ein paar Beispiele:
Gerade bastle ich an einer Dänisch-Sprachlernapp, die mir ermöglichen soll, realistische Alltagsgespräche zu üben. Und an einem Media-Asset-Management-System, das genau auf die Bedürfnisse in der Filmproduktion bei meinem Arbeitgeber Cap't Capture zugeschnitten ist. Und an einer Haushaltsbuch-App, die meine Daten auf meinem eigenen Server ablegt. Und an Webseiten für Kunden.
Alles gleichzeitig.
Ich kann eindeutig sagen: Ohne KI wäre das für mich so nicht mal in Ansätzen möglich gewesen. Der Umfang einiger dieser Projekte geht sogar weit über das hinaus, was ich mir am Anfang vorgestellt hatte.
Vibe Coding ermöglicht es mir, größer zu denken und gleichzeitig schneller zu testen. Denn wie sich herausstellt (Überraschung!) sind viele meiner Ideen nicht so gut, wie sie zuerst aussehen.
Die Schattenseiten von Vibe Coding
Aber natürlich liegen unter der glänzenden Oberfläche, wie bei KI üblich, auch viele Schattenseiten. Auf eine möchte ich hier genauer eingehen: die Erstellung von "Slop".
Von AI-Slop hört man inzwischen an jeder Ecke. Gemeint ist damit oft "nur" Slop in Textform, der den LinkedIn-Feed noch irrelevanter macht, oder visueller Slop, der die Social-Media-Timeline verstopft.
Slop ist wie Spam für die KI-Ära: Zeug, das massenhaft und praktisch kostenlos entsteht, auf den ersten Blick professionell aussieht, am Ende aber niemandem nützt. Dabei ist gar nicht unbedingt das Problem, dass es erstellt wird, sondern die Menge. Produzieren kostet Sekunden, aussortieren kostet Menschen Stunden.
Aber was ist mit Software-Slop? Mal abgesehen von bösartigen Akteuren, die mithilfe von KI extrem viele Angriffsmöglichkeiten bekommen: Was ist mit Software, die von Menschen erstellt wird, die gar keine Ahnung von der Materie haben?
Selbst in meiner kurzen Vibe-Coding-Zeit kam es häufig vor, dass die KI Sicherheitslücken produzierte, falsche Aussagen über Features bestimmter Tech-Stacks machte oder einfach an bestimmten Problemen hängen blieb, bis ich eine alternative Herangehensweise vorschlug.
Der Server, von dem ich am Anfang geschrieben habe, wurde aufgrund einer Sicherheitslücke sogar Teil eines automatisierten Bitcoin-Mining-Netzwerks. Die einzige Lösung war der komplette Reset. Glücklicherweise hatte ich den Server als Spielwiese für genau solche Fälle aufgesetzt. Trotzdem gingen mehrere andere Projekte hops.
Der Grund war: Die KI hatte bei der Konfiguration einen Port offen gelassen, den sie nicht hätte öffnen dürfen. Und ich habe es durchgewinkt. Aufgefallen war mir das nur am gestiegenen Netzwerk-Traffic. Was, wenn jemand eine solche Anwendung einfach in Produktion nimmt?
Dabei habe ich sehr, sehr viel gelernt. Über Server-Infrastruktur. Wie das Internet funktioniert. Über Versionskontrolle. Darüber, wie man die KI anleitet und ihr Zugriff auf die richtigen Informationen gibt. Und über vieles mehr.
Ich glaube aber, dass ich viele Probleme überhaupt nur erkennen konnte, weil ich zumindest einen Hintergrund in Programmierung und ein langjähriges Interesse für Technologie mitbringe.
Ich war schon immer mehr als ein bloßer Anwender, ich wollte zumindest in groben Zügen verstehen, wie die Dinge funktionieren. Und dadurch weiß ich, dass ich sehr vieles nicht weiß.
Was aber, wenn jemand das von sich nicht weiß und plötzlich mit übertriebenem Selbstvertrauen Dinge baut und veröffentlicht, die schlecht oder sogar gefährlich sind?
Ein spannender Aspekt: Ich habe in letzter Zeit von vielen Open-Source-Projekten gelesen, die sich darüber beschweren, dass sie von Contributions überrollt werden, die mit KI erstellt wurden. Und zwar so viele, dass sie nicht mehr alle sichten können. Die meisten davon so schlecht gemacht oder unpassend, dass sie abgewiesen werden müssen. Wenn sich jeder plötzlich bemüßigt fühlt, mitzumischen, besteht die Gefahr, dass wichtige Projekte unter Slop begraben werden.
Wenn ich ehrlich bin: Nach meiner eigenen Definition mache ich eigentlich gar kein Vibe Coding. Ich schaue hin. Nicht auf jede Zeile, aber genug, um zu merken, wenn etwas nicht stimmt. Das Versprechen lautet: "Du brauchst die Kenntnisse nicht mehr." Aber gerettet hat mich jedes Mal das bisschen Kenntnis, das ich zufällig hatte.
Jeder kann jetzt Software entwickeln und verkaufen, die besser nicht öffentlich zugänglich wäre. Auf YouTube stolpere ich immer wieder über Videos, in denen Creator ein selbstgebautes Produkt bewerben, das dann schon wieder offline ist, wenn ich es mir anschauen will. Frei nach dem Facebook-Motto: "Move fast and break things" (das Zuckerberg 2014 übrigens selbst zurückgenommen hat).
Am schlimmsten dabei: Von außen sind diese Produkte nicht wirklich erkennbar. Woher weiß ich im Zweifelsfall, dass dahinter jemand steht, der Wert auf meine Sicherheit und die Sicherheit meiner Daten legt? Der nicht nur schnell mein Geld abgreifen will mit irgendeinem halbgaren oder sogar gefährlichen Mist? Und wie stelle ich sicher, dass ich selbst nicht dieser Typ bin? Und warum vertraue ich mir selbst mehr als irgendeinem Anbieter?
Wenn man sich ernsthaft mit Vibe Coding und KI im Allgemeinen auseinandersetzt, bleiben wesentlich mehr Fragen als Antworten. Wichtig ist aber, dass wir nicht aufhören, uns die Fragen zu stellen. Auch wenn die meisten davon nicht angenehm sind.
Was bleibt?
KI ist ein Thema, das wir nicht mehr loswerden. Deswegen ergibt es aus meiner Sicht auch keinen Sinn, Angst davor zu haben oder die Technologie an sich abzulehnen. Viel wichtiger ist es, sich damit auseinanderzusetzen, die Möglichkeiten auszuloten und dann gezielt zu nutzen.
Für mich persönlich ist Vibe Coding aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. Trotzdem stehe ich dem Thema kritisch gegenüber. Und es stellen sich viele Fragen:
Wie viel KI ist okay? Wie stelle ich sicher, dass ich mich nicht selbst ersetze? Welchen Einfluss habe ich damit auf andere Menschen? Wann ist ein Projekt zu groß? Wie viele Projekte gleichzeitig sind zu viel? Wie garantiere ich Sicherheit? Und so weiter, und so weiter.
Ich muss manchmal aufpassen, dass mich die Euphorie über die neuen Möglichkeiten nicht mitreißt. Das, was möglich ist, begeistert mich wirklich. Dennoch und vor allem deswegen bleibt aber eine Frage, die ich mir während eines Projekts immer wieder stelle:
Ergibt das hier eigentlich gerade Sinn, oder mache ich es nur, weil ich es kann?
